«Nein. Ich bin kein Star.»

Magazin 62a

Martin Kessler designaffairs

Man sollte sich von der zierlichen, fast schon etwas schüchtern wirkenden Chinesin nicht täuschen lassen: In der Person der Industriedesignerin Lidan Liu bündelt sich Offenheit, Energie, Pragmatismus und eine Vision. Ein Gespräch mit einer der bedeutendsten Designerinnen Chinas.

Lidan, du hast deine Designausbildung im Westen gemacht. Angenommen, du hättest diese Ausbildung in den Nullerjahren nicht in Deutschland, sondern in China gemacht, was wäre heute anders für dich?

Gute Frage. Daran habe ich gar nie gedacht. Das Leben in Deutschland hat mich stark geprägt. Erstmals wurde ich mit Aspekten wie Nachhaltigkeit und Qualität konfrontiert, und ich glaube, dass ich das auch heute noch in mir trage. Auch wenn die Deutschen meinen, die Chinesin in mir sei nicht zu verleugnen, finden Chinesen, ich sei sehr deutsch. Ich bin etwas dazwischen. Ich verstehe das strukturelle und logische Denken des Westens, aber es gibt auch eine chinesiche Logik, der ich verbunden bin.

Hat sich denn das Denken und die Logik des chinesischen Schaffens verändert?

Ja, sehr sogar. Heute gibt es eine neue Generation von Designern, die unsere grafische Industrie prägt. Die jungen Designer haben in sehr kurzer Zeit sehr grosse Veränderungen in unserem Land mitgemacht und teilweise auch mitgestaltet. Viele von ihnen sind gereist und haben ein neues Verhalten antizipiert. Die Art und Weise, wie kommuniziert wird, hat sich gewandelt. China entwickelt momentan seinen eigenen Stil. Qualität steht dabei in vielen Bereichen ganz oben auf der Trak­tandenliste.

Gibt es einen chinesischen Stil von Brand und Industrial Design? Oder haben chinesische Designer die Design Experience des Westens adaptiert, wie wir das von anderen Industrien kennen?

Ich teile überhaupt nicht die Meinung, dass China einen komplett eigenen Stil im Design entwickeln sollte oder braucht. Das kommt automatisch. Es gibt in unserem Design einen chinesischen Einfluss. Klar. Aber das Brand Image wird ja nicht nur durch das ­Design bestimmt. Werte der ganzen Gesellschaft prägen die Marke, das Produkt. In diesem Sinne ist die Dynamik Chinas schon gut zu spüren. Denken wir nur schon an die ganzen elektronischen Medien, die sich hier sehr schnell und auf einem sehr kompeti­tiven Niveau entwickelt haben. Alibaba (die Alibaba Group betreibt unter anderem die gleichnamige B2B-Plattform Alibaba.com und das Online-Auk­tionshaus Taobao und ist nach eigenen Angaben die grösste it-Firmengruppe Chinas – die Red.) oder die Taxi-App Didi sind hier eindrückliche Beispiele. Oder auch Niu, ein neuer, intelligenter, 4000 Renminbi (gut 600 chf) günstiger Elektroroller, der mit der gleichen Batterietechnologie wie jene des US-Sportwagenherstellers Tesla betrieben wird und in sehr kurzer Zeit entwickelt wurde. In solchen Produkten zeigt sich der chinesische Charakter.

«Ich teile überhaupt nicht die Meinung, dass China einen komplett eigenen Stil im Design entwickeln sollte.»

Lidan Liu

Wenn man die langjährige Tradition des Industriedesigns im Westen als Basis nimmt: Auf welcher Stufe würdest du heute das chinesische Design einstufen?

Das ist eine typisch «europäische» Frage. Das kann man so nicht aufs Design reduzieren und vergleichen. Man muss berücksichtigen, dass sich ja nicht nur die Entwicklung und Produktion in China rasant verändern. Die ganze Gesellschaft ist im Umbruch. China konzentriert und positioniert sich nicht mehr auf der Basis des billigen Produktionsriesen. Qualität ist die neue treibende Kraft. Moderne Technik mit einem guten Design – das ist der neue «Chinese way». Man könnte auch sagen: «Vom Konsumenten gefordert – von der Industrie verstanden.» Auch wenn es in China heute noch selten gutes Design gibt. Es gibt viele gute Designer. Das hört sich jetzt paradox an. Aber es ist eben auch so, dass viele junge Designer anfangs im Bereich Möbeldesign einsteigen und erst nach einer gewissen Zeit beim Hardcore-Industriedesign landen. In den nächsten paar Jahren wird sich da aber viel verändern.

Wir leben in einer globalen und transparenten Welt. Macht es da überhaupt noch Sinn, regionale Designrichtungen oder -stile zu kultivieren?

Die Frage würde ich anders stellen. Es sind für mich keine Design- oder Geschmacksfragen des Westens und des Ostens. Wir müssen uns die Frage stellen, welche unterschiedlichen Bedürfnisse Menschen im Westen gegenüber jenen im Osten haben. Da gibt es Unterschiede. Aber die müssen über das Produkt eliminiert werden, nicht über das Design. Beispiel Kühlschrank: Im Westen kauft man ein-, zweimal in der Woche gross ein und will Kühlschränke klar strukturiert und ordentlich füllen. In China kauft man jeden Tag neu ein. Der Chinese schmeisst aber einfach alles rein, inklusive medizinischer und kosmetischer Produkte. Das betrifft das «Innenleben» eines Kühlschranks. Das Produktdesign hingegen kommt für beide Kulturen mit einer einzigen Sprache aus.

Lidan Liu und ihr Team haben für INESA den ersten Laserprojektor für eine chinesische Marke entwickelt. Er ist beispielhaft für das Zusammenspiel deutscher und chinesischer Designsprache.

«In China kommt die Haltung ‹german process – Chinese understanding› sehr gut an, und ist mein persönlicher Vorteil.»

Lidan Liu

Du bist die verantwortliche Leiterin des Industrial Design Departements an der renommierten Tongji University in Shanghai, und du kennst auch die universitäre Ausbildung junger Talente im Westen. Was sind die grössten Unterschiede dieser beiden Ausbildungswelten?

Da gibt es schon sehr grosse Unterschiede. In China werden durch das  Bildungssystem Kreativität und kritisches Denken nicht sonderlich stark gefördert. Da sind westliche Designstudenten vom Bildungssystem her schon besser konditioniert. Wenn man dem Chinesen sagt: «Mach das jetzt einfach mal so», dann macht er das eben so, ohne die Aufgabenstellung gross zu hinterfragen. Die ersten zwei Jahre im Studium müssen die Chinesen erst einmal ausloten, wie sehr und in welchem Bereich sie kreativ sind oder sein dürfen. Ich unterrichte jetzt seit zehn Jahren an der Universität, und ich kann schon feststellen, dass sich dies ändert, wenn auch nicht ganz so schnell. Die Universitäten in China haben dadurch grundsätzlich einen grösseren Einfluss auf die Persönlichkeit der Studenten. An der Tongji University sind wir in der Ausbildung sicher führend in China. Wir haben einen intensiven Austausch mit dem Westen, was schon alleine durch die Vielzahl ausländischer Lehrer gegeben ist. 

Würdest du dich selber als eine der führenden Designerinnen Chinas bezeichnen?

Nein. Es gibt Tausende gute Designerinnen und Designer in China. Ein Design-Star zu sein, finde ich nicht wichtig.

Die zahlreichen internationalen Preise, die du für deine Arbeiten bisher erhalten hast, halten da aber dagegen.

So gesehen, stimmt das schon. Die Designqualität meiner Arbeiten gehört schon zur Spitze des Eisbergs in China. Aber ich finde grundsätzlich, dass es weder einen eigenen Designstil noch -stars braucht.

Aber helfen berühmte Designstars wie Philippe Starck, Jasper Morrison oder Konstantin Grcic nicht auch, gutes Design einer breiten Bevölkerungsschicht zugänglich zu machen?

Vielleicht stimmt das für spezifische Bereiche wie beispielsweise Möbel. Aber Industriedesign orientiert sich an Fuktionalität und muss hunderttausendfach produziert und verkauft werden und einwandfrei funktionieren können. Die Nachhaltigkeit muss stimmen, das Unternehmen dahinter und vieles mehr. Da ist Designstil kein Thema. Viel wichtiger scheint mir die Business-Elite, die durch ihre Entscheidungen gutes Design fördert.

Geniessen deine Arbeiten in China den Stellenwert, den sie verdienen, oder haben es auch in China (wie praktisch überall) die «Propheten im eigenen Land» schwer, Gehör zu finden?

Ich habe keine solchen Probleme. Ich bin Chinesin und arbeite für eine deutsche Designagentur. Das finden chinesische Unternehmen auf ihrem Weg Richtung Westen ebenso wichtig, wie es deutsche Unternehmen interessiert, die mit ihren Produkten im chinesischen Markt bestehen wollen. In China kommt diese Haltung «German process – Chinese understanding» sehr gut an und ist mein persönlicher Vorteil.

Was wäre aus Lidan Liu geworden, wenn sie nicht Industriedesignerin geworden wäre?

(Überlegt kurz.) Chinesische Eltern beeinflussen ihre Kinder stark in ihrem Berufswunsch. Mein Vater war Künstler, meine Mutter war Schauspielerin für chinesisches Theater. So hatte ich erst mit modernem Tanz begonnen und den Traum, Tänzerin zu werden. Aber das hatte keine Zukunft – ich war zu klein. Vielleicht würde ich mich heute dem Kunsthandwerk aus Porzellan widmen und meine eigene Porzellanlinie auf den Markt bringen. •